Stell dir vor, du bist das erste Mal bei einem noch relativ "neuen" Freund zu Besuch - nicht nur Tagsüber, nein, du hast dir Gedanken darüber gemacht, ob du vielleicht ein wenig länger bei ihm bleibst. Zwei, vielleicht sogar drei Nächte. Es gibt selten Menschen, denen du so vertraut hast, wie ihn, und das, obwohl ihr euch kaum kennt bzw. noch nicht sehr lange. Nun schlussendlich liegst du da im Bett, neben ihn, was an sich ja kein Problem ist. Du schläfst mit einem wohligen Gefühl ein, doch als dein Bewusstsein wieder erwacht, spürst du seine Hand auf deinem Bauch und sein Gesicht, mit seinem Atem, ganz nah bei dir. Doch als du dich bewegen willst, als du ihn sagen willst, dass du das nicht möchtest, gar nicht willst und zudem nicht kannst, bemerkst du, dass dein Körper noch vollkommen im Schlaf ist und er nicht wach werden will. Du denkst dir "Oh mein Gott, warum macht er das? Er weiß genau, wie du zu diesem Thema und zu deinem Körper stehst" - du drehst dich, versuchst irgendwie auf dich aufmerksam zu machen, du quietscht leise vor dich hin und hoffst inständig darauf, wach zu werden. Das dein Körper wach wird, du selbst bist ja schon wach. Vom Kopf her. Du liegst da, lässt diese Berührungen über dich ergehen und dann endlich, du wirst wach. Wach bevor etwas schlimmeres geschieht, als die Berührungen auf deinem Bauch und den Oberschenkeln - nimmst dein Handy in die Hand, schaust auf die Uhr und stammelst verschlafen, und dennoch laut und verständlich vor dich hin "Spinnst du? Es ist 01:04 Uhr. Ich hab so schön geschlafen" und sagst nichts weiter zu diesem Thema. Ihr quatscht ein wenig und eine Stunde später kommst du zu dem Entschluss, dich noch einmal schlafen zu legen, weil dich die Müdigkeit einholt. Du schläfst schnell ein und urplötzlich ist dein Kopf wieder da. Von einer auf die andere Sekunde spürst du erneut die Berührungen am Bauch, an den Oberschenkeln und schlussendlich auch dort, wo zuvor nicht einmal dein Ex-Freund dich ohne viel Überwindung, Vorbereitung und Vertrauen berühren durfte. Du spürst das Hauchen in deinen Ohren, kannst dich nicht rühren, er wandert mit seinen Lippen ins Gesicht, will dich küssen, will dich "haben" und du wirst nicht wach. Stell dir vor, du hasst dich. Dich, deinen Körper, bist gerade mal zwei ein halb Monate von dem Menschen, den du über alles liebst getrennt und spürst fremde Hände an und auf deinem Körper, gar in deinem Körper. Du kannst dich nicht wehren, dein Körper schläft. Tief und fest. Es ist wie ein Albtraum, wobei man diesen Menschen doch eigentlich mag. Mag, vertraut, gar irgendwo ein wenig mehr mag, als das flüchtige mögen. Du weißt, dass er dich "liebt" bzw. sich seit den vergangenen Wochen zu dir hin geneigt fühlt, hattest aber gehofft, dass er seine Triebe unter Kontrolle hat. Du spürst seine Berührungen deutlicher auf deinem Körper, deutlicher, verlangender, intensiver und du fühlst einfach nur absoluten Hass und Ekel in diesem Moment. Du willst am liebste sterben und dabei sind es "nur" Berührungen. Du spürst, wie er dir langsam, zärtlich und dennoch gierig unter die Hose fasst und mit der anderen Hand unter den BH, "die Stelle des Grauens" für dich, fährt. Du fängst an zu weinen, leise, ohne es kontrollieren zu können und dann wirst du wach. Hastig drehst du dich zur rechten Seite, er berührt sich an der Schulter, du stoßt ihn weg, er dreht sich von dir weg und stöhnt leise "Ach, leck mich". Du starrst mit fester Miene aus dem Fenster, hältst dein Kuscheltier neben dir und fängst an zu weinen. Du versuchst zu begreifen, was dieser Mensch gerade mit dir, gegen deinen Willen, "getan" hat und formulierst diese Sätze hier in deinem Kopf, um sie so schnell wie möglich ordnen zu können, aufzuschreiben. Irgendwann ertönt ein leises "Bist du sauer auf mich?" und du kannst nichts darauf erwidern. Du starrst immer und immer wieder auf die Uhr von deinem Handy und willst gehen, raus aus dem Zimmer, doch du kannst nicht. Dein Körper wehrt sich. Er will liegen bleiben, zu müde. Müde vom Leben, müde von dieser grausamen Welt. Irgendwann stehst du auf, nimmst dein Kuscheltier, dein Kissen, reißt die Tür auf und gehst leise ins Wohnzimmer, schaltest den Laptop an und setzt dich. Analysieren , realisieren, verstehen, akzeptieren, versuchen damit umzugehen. Aber wie? Plötzlich hörst du Schritte, er. Er steht vor dir in der Tür, schaut dich an, fängt an mit dir zu reden. Im Endeffekt weißt du nicht mehr was, nicht genau. "Ich dachte du bist wach...", du schaust ihn nicht an, erwiderst nur, mit Haaren vor dem Gesicht, Augen starr auf den Laptop gerichtet, "Selbst wenn ich nicht wach gewesen wäre, du weißt, wie ich zu diesem Thema stehe und vor allem auch zu meinem Körper", er setzt sich neben dich, fasst dir auf die Schulter und du lehnst dich nach vorne, seine Hand weicht von dir. Er redet die ganze Zeit davon, dass er verdammten Mist gemacht hätte, dass es ihm leid tut, das er das Vertrauen, was sich in den letzten Wochen aufgebaut hat, gebrochen hätte und du kannst nur erwidern "Ist okay". Irgendwann will er gehen, zuvor sagt er dir noch "Ich kann verstehen, wenn du später nach Hause fahren willst.." und dann ist er weg. Wieder im Zimmer, du sitzt hier, auf dem Sofa, neben der Katze und weißt immer noch nicht ganz, was da gerade passiert ist. Es waren "nur" Berührungen, kein Sex, und doch fühlst du dich gerade unheimlich schmutzig und kaputt, müde, ausgelaugt und einfach nur gehasst von Gott und der Welt.
Stell dir das nur einmal vor...
Stell dir das nur einmal vor...
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